„Das Gerücht ist immer größer als die Wahrheit.“
Deutsches Sprichwort


17:49 Uhr – Hamburg, Deutschland

Es war einer dieser Tage, die Petra Egger nicht ausstehen konnte. Sie hatte den ganzen Tag geschuftet, das heißt, das Haus auf Vordermann gebracht, die Wäsche gewaschen, aufgehängt und die Hemden ihres Mannes vom Vortag gebügelt. Sie seufzte innerlich und marschierte trägen Schrittes in die Küche, die unweit des Wohnzimmers lag. Nachdenklich warf sie einen Blick dem Zimmer am Ende des dunklen Flures zu. Ihr Mann Max war heute schon den ganzen Tag in diesem Raum. Petra hielt inne und blieb stehen. Hatte sie gerade richtig gehört? Da waren doch eindeutig unterschiedliche Stimmen zu hören.
Nein, aus dieser Richtung kamen, wie sonst auch, keine Geräusche, nichts. Sie öffnete die Schiebetür zu ihrer neuen Küche. Diese war jetzt auch schon wieder ein gutes halbes Jahr alt. Max hatte sie Petra zu ihrem dreiunddreißigsten Hochzeitstag geschenkt. Eigentlich wäre Petra lieber in den Urlaub gefahren, zusammen mit Max. Denn zweite Flitterwochen hatte sie sich schon immer gewünscht. Sie griff nach dem metallenen Griff der gläsernen Schiebetür und zog mit einem Ruck daran. Wieder hielt die Zweiundsechzigjährige inne. Sie wandte sich erneut Ende des Ganges zu. Irgendetwas stimmte doch da ganz und gar nicht.
„Max? Max, Schatz ist alles in Ordnung?“
Die Antwort blieb aus, das beunruhigte die ältere Dame etwas. Sie würde am liebsten sofort zu der düsteren Tür hechten, diese öffnen und ihrem Gatten zu Hilfe eilen. Doch insgeheim wusste sie, dass sie den Streit des Jahrtausends damit hervorrufen würde. Max hatte ihr ausdrücklich untersagt, ihn bei seinen Studien zu unterbrechen oder zu stören. Als sie gerade frisch in das Familienhaus am Rande von Hamburg gezogen waren, hatte sie einmal geklopft und die Türe geöffnet um ihm Tee zu bringen und das war in einem Desaster geendet. Seither schloss sich der Physikprofessor immer ein. Und seit der Suspendierung von der Universität, war ihr Mann noch mürrischer als sonst. Der Grund für die sofortige Beurlaubung war, dass er der sexuellen Nötigung an einer Schülerin angeklagt wurde. Doch das stritt ihr Mann partout ab. Und sie glaubte ihm eisern.
Wieder dieses mysteriöse Scharren an der Tür. Petra schüttelte den Kopf und um sich abzulenken öffnete sie die Schiebetür zur Küche, um nach dem Schweinebraten im Ofen zu schauen. Das Scharren aus dem verbotenen Raum wurde lauter. Petra griff nach den blauen Topflappen und schlurfte zum Backofen. Das Krachen und Hämmern gewann an Stärke. Die Geräusche waren zu einem ohrenbetäubenden Brausen zusammen geschmolzen. Petra schmiss voller Wut die Topflappen auf den Beistelltisch und wütete aus der Küche.
„Max, jetzt reicht es“, rief sie aufgebracht, „Max das geht eindeutig zu weit. Ich komme jetzt rein.“
Doch weiter kam Petra Egger nicht, denn die Tür war einem gleißend grellem Licht gewichen, das den ehemals dunklen Gang durchflutete. Petra hob schützend die, mit Altersflecken bedeckten, Hände vor ihre aufgerissenen Augen und dann sah sie durch einen winzigen Schlitz zwischen ihren Fingern mehrere Personen hinter einem kleinen verkümmerten Haufen stehen, der das Licht zu verschlingen schien. Und plötzlich erkannte sie das Gelumpe auf den Fliesen, es war ihr Mann Professor Dr. Max Egger. Und als sie ihren Mund zu einem entsetzten Schrei öffnen wollte, bewegten sich die Gestalten. Das blaue Schimmern, welches von den Wesen auszugehen schien, war das letzte, was Petra Egger sah, bevor sie leblos in sich zusammen sackte.