18:34 Uhr – außerhalb liegendes Haus in Moss, Norwegen

Das eintönige Piepsen und Vibrieren an seinem Gürtel schreckte Hendrik Johansson auf. Er hatte grausam geträumt, von einem Ort, den er nur schwer beschreiben konnte, ihm aber durchaus bekannt vorkam. Schnell verwarf er die Bilder in seinem Kopf und stellte seinen Tee beiseite, streckte sich genüsslich und gab dabei ein Geräusch von sich, das einem röhrenden Elch sehr ähnlich war. Hendrik war hochgewachsen, mager und hatte blonde längere Haare, die er zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden hatte.
Die Finger des jungen Mannes tasteten nach dem Wecker, den er vorsorglich an seinem Gürtel befestigt hatte. „Die vier Stunden sind also endlich vorbei“, dachte er sich und wandte sich noch einmal der Tageszeitung zu die sorgfältig zusammengelegt auf dem Couchtisch lag. Er überflog die Schlagzeile: „Piratenangriff auf Luxusdampfer, das es so was heut zu Tage noch gibt“, kopfschüttelnd blätterte er weiter, bis er zu beim Wetterbericht und den Horoskopen angekommen war. Hendrik war gewiss nicht abergläubisch, aber der Mondkalender und die Auswirkungen der Sterne hatten ihn schon als kleines Kind fasziniert. Großteils war auch seine Tante daran schuld. So brummte der gebürtige Norweger auch heute das Horoskop des Wassermannes vor sich hin: „Wassermann: Heute können Sie sich nur dann entfalten, wenn man Ihnen keine Grenzen setzt. Auf räumlicher Ebene genauso wie intellektuell. Doch Achtung, wenn Sie Ihre Lebenseinstellung nicht ändern, droht Ihnen unweigerlich Gefahr in Gesundheit, Finanzen und Partnerschaft.“ Hendrik hob erstaunt eine seiner buschigen Augenbrauen. „Interessant.“
Er legte die Zeitung beiseite, erhob sich von seiner Couch und ging zurück zu der grauen Eisentür, die das Labor von seiner sechzig Quadratmeter Erdgeschosswohnung trennte. Der Rest des alten und alten, baufälligen Hauses, gehörte seiner Großtante, die gerade mit ihrer Reisegruppe in Asien unterwegs war. Wo diese alte Dame genau war, wusste Hendrik nie. Sie hatte ihn großgezogen, als seine leibliche Mutter bei einem Autounfall kurz nach seinem ersten Geburtstag ums Leben kam. Mürrisch griff der Junggeselle nach der stählernen Klinke, drückte diese nach unten, und mit einem ächzenden Laut gab die Tür nach und der junge Brillenträger schob sie auf.
Er betrat nun die schmale Holztreppe, welche ins Laboratorium führte. Mit sieben Jahren war er das erste Mal seinem Vater gefolgt, auf der morschen, feuchten Treppe ausgerutscht und hatte sich das Steißbein gebrochen. Professor Dr. Simen Johansson hatte hier schon Experimente durchgeführt und war auch sicherlich daran gestorben. Hendrik hatte den schroffen Mann immer nur mit Professor angesprochen, eine nähere Bindung gab es nicht. Der Junge wollte eigentlich nie etwas mit Chemie zu tun haben, doch eines kam wie das andere und schließlich fand er sich heute mit einem Diplom und seit kurzen auch einer Promotion wieder, da unten, in dem stickigen Kellerloch. Das Zischen und Surren der Halogenlampen, ließ ihm seine Nackenhaare zu Berge stehen. Hendrik erschrak sich jedes Mal davor und so zog er sich seufzend und sich nach seiner Couch sehnend, seine blauen Gummihandschuhe über. Er ging auf seinen Labortisch zu, befreite nun die silbrig glänzende Substanz aus der Fritte, welche eben dieses Gemisch filtriert hatte und gab es in eine Keramikschüssel. Er marschierte schlurfend zum anderen Ende des Raumes, gab den zerbrechlichen Behälter in die piepsende Apparatur, schob den Temperaturregler auf 95°C und stellte die Zeit ein. Bevor er jedoch den Startknopf berührte, durchfuhr es ihn auf einmal eiskalt. Hendrik blickte sich um.
Einzig allein seine gläserne Ausstattung funkelte im Halogenlicht. Er drückte den Start Knopf.
„Heute ist es anders als die letzten Male“, ging ihm durch den Kopf. Und dann geschah es.

… morgen gehts weiter…