Der Boden erzitterte. Sämtliche Apparaturen zerbarsten, als würde eine unsichtbare Kraft sie zermalmen. Egal ob empfindlich oder robust, nichts konnte dieser Kraft, die durch das Labor wütete, standhalten. Hendrik zuckte zusammen, und hielt sich schützend seine Arme über den Kopf. Er fiel auf die Knie. Ein stechend, beißender Schmerz durchfuhr ihn. Eine Glasscherbe eines Erlenmeyerkolben, mit dem er gerade weiterarbeiten wollte, schnitt tief in sein Knie und Hendrik schrie vor Schmerz kurz auf. Papierfetzen und ein Schauer aus Glassplittern regnete auf ihn herab.
Und so plötzlich wie das Beben kam, war es auch wieder vorbei.
Hendrik tastete um sich. Seine Nickelbrille war ihm von der Nase gerutscht. Völlige Dunkelheit und Schwärze umgab den Zweiunddreißigjährigen. Der Strom musste ausgefallen sein. „Auch das noch“, murrte er vor sich hin. Er blickte um sich, doch er erkannte nichts, alles war düster und leicht verschwommen.
Die verschiedensten Gerätschaften, Materialen, und Gefäße, die Hendrik alle mühsam sortiert und geordnet in den weißen Vitrinen und Schränken verstaut hatte, waren alle zerstört worden.
Er kroch am Boden entlang, über Scherben, winzige Splitter und alle möglichen ausgelaufenen Chemikalien, die sich in gerade diesen Vitrinen seines Labors befunden hatten. „Erdbeben.“
Hendrik gab ein langes genervtes Stöhnen von sich und schlug sich seinen Hinterkopf an, als er versucht hatte sich ein wenig aufzurichten. „Au! Verdammt! Scheiß Schrank!“ Er verzog das Gesicht zu einer schmerzverzerrten Grimasse und tastete seinen Kopf ab.
Wie viel Arbeit und Mühe er doch in das Labor und vor allem in seine nun pulverisierte Arbeit gesteckt hatte. Unweigerlich dachte er an seine Tante. Die würde ihm das Leben wirklich zur Hölle machen, wenn sie wieder aus dem Urlaub zurückkam und die Zerstörung vorfand. Obwohl, er konnte ja nichts dafür. Erdbeben waren schließlich ein natürlicher Erdprozess und kamen hier und da vor. Trotzdem ihm grauste vor dem schrecklichen Durcheinander, egal ob es das Labor betraf, oder das darüberliegende Haus.
Plötzlich vernahm Hendrik Schritte.
„Da ist doch jemand“, murmelte er, „aber ich erwarte doch niemand, die Feuerwehr oder Polizei kann es nicht sein und abgeschlossen habe ich auch.“ Die Schritte kamen näher und wurden lauter. Hendrik lies sich langsam wieder in die Knie sinken, ohne dabei auf den stechenden Schmerz in seinem Bein zu achten. „Freund oder Feind.“, grübelte Hendrik angespannt. Die Laute über ihm stoppten abrupt. Kein Laut war mehr zu hören. Hendrik tastete seinen weißen befleckten Laborkittel ab. Seine Finger umspielten einen rechteckigen harten Gegenstand. Er zog sein Handy heraus und hielt es in Augenhöhe.
„Kein Netz, verdammt! Warum funktioniert das blöde Ding denn nicht!“
Hendrik drückte abwechselnd alle möglichen Tasten. Erfolglos lies er es wieder sinken.
Die Schritte waren wieder zu hören. Das Geräusch erinnerte Hendrik an eine Uhr, als würde die Zeit davon gleiten.
Im schwachen, gelblichen Schein des Displays blickte Hendrik sich um. Sein Labor war ein Trümmerfeld.
„Hallo? Wer ist da!“, brüllte Hendrik in das leicht erleuchtete Dunkel. Niemand antwortete. Hendrik bekam es mit der Angst zu tun. Die Polizei oder die Rettung hätte sich schon längst gemeldet.
„Wer ist da? Was wollen Sie?“