Er versuchte das Zittern, welches seiner sonst so festen Stimme einen brummenden Unterton verpasste, so gut wie möglich zu unterdrücken.
Mit einem furchtbaren Geräusch wurde die Eisentür, die Hendriks Wohnung von dem Labor trennte, abgerissen und in einer der dunklen Ecken geworfen.
Ein schwacher Schein am oberen Ende der Treppe drang nun in den Keller.
„Ach du heilige Scheiße.“
Hendrik zwang sich tiefer in seine Ecke.
Mehrere düstere Schatten betraten den Raum.
„Wer da?“ Seine Stimme zitterte noch stärker, als er das Schweigen, das den Raum erfüllte, brach.
„Ich habe gefragt, wer da ist!“
Hendriks Stimme bebte, das Adrenalin schoss in seinen Kopf. Es musste gerade die Konzentration erreicht haben, die Panik im Körper auslöste.
„Sind Sie Dr. Hendrik Johansson? Dreiunddreißig Jahre alt, wohnhaft in , 1500 Moss, Norwegen?“
Hendrik kniff seine Augen zu Schlitzen um die leicht verwaschenen Silhouetten der Gestalten, die die morsche Treppe herunterstiegen, klarer sehen zu können. Er zählte fünf. Der vorderste von ihnen war eher plump und klein, die anderen eher mager und hochgewachsen. Wieder erhob sich die Stimme des Mannes, der so schien es, die fünf anführte: „Geben Sie sich zu erkennen! Sind Sie Dr. Hendrik Johansson? Identifizieren Sie sich! Es wird Ihnen nichts geschehen, falls Sie es nicht sind.“
Der letzte Teil des Satzes klang etwas bedrohlicher.
„Was wenn ich es bin?“
Der instinktiv ausgesprochene Satz glitt etwas leiser über seine Lippen. Es klang mehr wie eine Frage an sich selber und Hendrik war sich später nicht mehr bewusst, ob er die Frage nun laut gestellt hatte oder sie sich gedacht hatte. Die Gestalten kamen nun direkt auf Hendrik zu.
„Wir wollen nur mit Ihnen reden, Dr. Johansson.“
„Ich, ich bin nicht Dr. Johansson. Mein Cousin ist nicht Vorort.“
Hendrik drückte sich an die feuchte Wand des Laboratoriums. „Wir haben keinen Cousin!“
Die Stimme eines anderen Mannes, der sich zuerst im Hintergrund gehalten hatte, durchbrach die vom Rauch der Zerstörung erfüllte Stille. Irgendetwas schrie in Johansson auf. Diese Stimme, war seine eigene, jedoch nicht aus seinem Mund.
Der Instinkt eines in die Enge getriebenen Tieres war nun in Hendrik wach gerüttelt worden. Sämtliche Zellen seines Körpers sandten den Befehl „sofortige Flucht“ zu seinem Gehirn.
„Wir möchten nur mit dir reden!“
Wieder diese Stimme, seine Stimme, doch er bewegte seine Lippen nicht. Zu Sicherheit fuhr sich Hendrik über die seinigen. Wie konnte das möglich sein. Die Gestalten kamen ein paar Schritte näher auf ihn zu. Ein merkwürdiges bläuliches Glimmen, das von den Personen ausging erhellte jetzt den Raum zwischen Hendrik und den Fremden.
Und dann erkannte Hendrik einen von Ihnen. Vor ihm zwischen zwei Frauen und einem etwas älter wirkenden Mann stand er, Hendrik Johansson. „Das ist doch ein Scherz“, babbelte er aufgescheucht vor sich hin. Sein Ich stand vor ihm, keine zwei Meter entfernt, mit einem gräulichen Ganzkörperanzug bekleidet, an dessen Nähten schwach bläulich läutende LED’s aufglimmten und wieder erloschen, jedes in einem anderen Takt.
Es war als hätte jemand ein Tor zu einer anderen Zeit aufgerissen. Das einzige was Hendrik sichtlich von dem Mann vor ihm unterschied, waren die Haare. Hendrik hatte lange blonde Haare, meistens zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden. Der Mann vor ihm hatte eine Glatze und wirkte etwas älter und mitgenommener als Hendrik. Er tastete nach seinen Haaren. Sein Mund klappte auf. Er würde sich niemals die Haare abschneiden.
„Das ist kein Witz!“ Eine verärgert klingende Frau, wollte einen Schritt nach vorne treten, sein Ich hielt sie jedoch zurück.
„Wir möchten, dass du mit uns kommst und dir anschaust, wovon wir dich abhalten wollten!“
Hendrik schüttelte ungläubig den Kopf, als wieder sein Ich etwas gesagt hatte.
„Falls Sie sich weigern, wenden wir Gewalt an.“
Die Stimme der Jungen Frau bebte bedrohlich.
Wie in Trance bewegten sich Hendriks Finger um das sich in seiner Hand befindende Mobiltelefon. Er tastete nach der Null und drückte sie.
Vor kurzem hatte ihm Sam Doyle, ein alter Freund, geraten, die Tasten seines Handys mit der Kurzwahlfunktion zu bestücken. Darunter waren Sams Nummer unter eins, die Nummer der Feuerwehr unter zwei und die Nummer der Polizei unter null.
Er wusste, dass die Polizei ungefähr zehn Minuten brauchen würde.
Ihm war klar, dass diese Personen sicher nichts Gutes verhießen und sicher kriminelles Pack waren.
„Was wollen Sie und wer sind Sie?“
Hendriks Stimme hatte an Festigkeit zugenommen.
„Mit dir Reden und dir etwas zeigen. Dazu müsstest du uns allerdings begleiten.“
Wieder seine Stimme. Sie klang etwa so geschmeidig, als würde sie Hendrik zu einem Sonntagsbrunch einladen.
Hendrik zwei kam einige Schritte näher.
„Ich komme nirgendwohin mit, nicht eher ich aufgeklärt wurde, was zum Geier hier vor sich geht. Ich komme doch nicht mit irgendwelchen Fremden in komischen grauen Anzügen mit, die zufälliger Weiße irgendeinen Geisteskranken mein Gesicht und meine Stimme verpasst haben! Bin ich denn vollkommen bescheuert? Nein sicher nicht. Und wehe Ihnen, Sie kommen noch einen Schritt näher, ich warne Sie, ich werde mich wehren! Ich, ich bin bewaffnet“
Der Mann, der ihm so ähnlich sah, hielt jedoch nicht inne, begann aber zu lachen und der Anzug der so hauteng an dem Körper haftete spannte sich gefährlich.
„Du und dich wehren? Och komm schon. Hendrik, du konntest noch nicht mal den Stein nach Gustavsons Hund werfen, als Sven dich dazu zwingen wollte, erinnerst du dich? Und was willst du jetzt tun? Uns mit Glassplittern bewerfen?“ Hendriks Gesicht wurde aschfahl. Woher wusste der Fremde das? Bildete er sich alles nur ein? War dieses Mal irgendetwas schief gegangen? Aber das Experiment war einfach und er hatte noch nie etwas falsch gemacht. Träumte er und lag vielleicht noch auf seiner grünen Ledercoach?
Fernes Sirenengeheul riss ihn aus seinen Gedanken und der blickte seinem Gegenüber noch einmal tief in die Augen.
„Was nun H.J.?“, die Frau hinter Hendriks Spiegelbild klang erschreckt. „Wir tun nichts!“, Hendrik zwei drehte sich zu ihr und den Moment nützte Hendrik Johansson auf. Er packte die umgestürzte Stickstoffflasche zu seinen Füßen, öffnete den Hahn und das kalte Gas schoss schon fast in flüssigen Zustand auf die Eindringlinge zu. Hendrik sprang auf und rannte um den Labortisch zu der Sicherheitsluke, die sich nahe dem Abzug befand.