Die kühle Abendluft strömte Hendrik entgegen. Er hielt aber keines Wegs inne, denn diesen Eindringlingen wollte er auf keinen Fall noch einmal begegnen. Die Angst triumphierte über seine Schmerzen und die Erschöpfung.
Hendrik wusste nicht genau wie lang er gerannt war, als er sich auf der E6 Richtung Oslo wieder fand.
Er wusste nicht wo er hin sollte, und was er überhaupt verbrochen hatte, dass so merkwürdige Gestalten etwas von ihm wollten. Er war schon immer Angelegenheiten aus dem Weg gegangen, die nichts Gutes verhießen. Und das war ganz sicher eine von diesen. Als er sein Diplom in den Fingern hielt, bekam er viele Angebote von Firmen und sogar von der Nationalen Sicherheit. Er lehnte jedoch alle ab. Das einzige was er wollte, war seine Ruhe. Hendrik war kein Gemeinschafts- oder teamfähiger Mensch, nein er war der typische Einsiedler, der Junggeselle, der Einzelgänger.
Ein silberner Mercedes schoss an Hendrik hupend vorbei. Er hatte nicht darauf geachtet am Straßenrand zu stehen und musste etwas in die Fahrbahn gelaufen sein. Gleich würde es bestimmt wieder die Meldung im Radio geben: „Vorsicht auf der E190 Richtung Oslo von Moss aus kommend, befinden sich Personen auf der Fahrbahn.“
Er selber hatte keinen Führerschein und hörte auch nicht gerne Radio, aber er kannte diese Meldung aus Sams blauem Bus. Erst jetzt blickte Hendrik sich um. Nichts war zu sehen. Keine umgestürzten Bäume oder Schäden in der Fahrbahn. Keine Anzeichen für das Beben, dass sein Labor zerstört hatte. Hendrik schüttelte ungläubig den Kopf.
„Das ist nicht möglich“, flüsterte er und drehte sich langsam im Kreis. Sam. „Ich fahre zu Sam!“ babbelte er und ohne groß zu überlegen streckte er seinen Daumen auf die Straße und blickte die Fahrbahn auf und ab, nach einer Mitfahrgelegenheit suchend.
Jeder der ihn gesehen hatte, musste denken ein Irrer sei aus einer Anstalt ausgebrochen, denn dort stand ein verwirrt drein blickender Mann, mit beflecktem, weißem Laborkittel und Hausschuhen bekleidet.
Mehrere Autos schossen an ihm vorbei, einige hupend, andere ihn ignorierend. Nach Nummer 35 hörte Hendrik auf zu zählen.
Das Beben, mit dem die komischen Personen in seinem Labor aufgetaucht waren, musste jetzt schon an die zwei Stunden vorbei sein. Langsam wurde es dunkel. Er blickte auf den Wecker, der noch immer an seinem Gürtel war, dieser blinkte. Er musste wohl stehen geblieben sein. Aber die Batterien waren neu, Hendrik hatte sie erst gestern ausgetauscht. Und das digitale Uhren einfach so stehen blieben war nicht möglich. Es sei denn man befindet sich in einem starken magnetischen Feld. Hendrik schüttelte abermals den Kopf.
Ein orangefarbener Käfer hupte und kam ca. 50 Meter vor Hendrik zum Stehen. Johansson musste ganz vergessen haben, die ausgestreckte Hand wieder zurückzuziehen.
Hendrik zuckte mit den Schultern und beschleunigte seinen Schritt auf das Auto zu.
Als Hendrik sich auf den roten Ledersitz des alten Käfers fallen lies, dachte er, er wäre in eine andere Welt abgetaucht. Er hatte noch nie so viele Farben auf einmal gesehen. Seine Augen wanderten von den roten Sitzen zum lilafarbenen Armaturenbrett auf dessen Mitte ein weiß gekleideter Wackel – Elvis thronte, dessen Kleidung mit bunten Glitzersternen geschmückt war. Die junge Frau passte perfekt in diese neue Welt, in die Hendrik soeben eingestiegen war. Sie war so bunt gekleidet, dass seine Großtante sich hätte übergeben müssen. Die Frau, die ihn anlächelte, hatte kurze schwarze Haare mit einem kecken Pony, der ihre komplette Stirn bedeckte. Hendriks Blick glitt hinab zu ihrer grünen Samtbluse, auf der ein münzgroßer brauner Fleck, war. Der weinrote Kordrock rundete die ganze Farbenpracht ab. Mehr sah Hendrik auf den ersten Blick nicht.
„Wohin soll es denn gehen?“

… morgen gehts weiter…