Emmas Vorwurf wurde jäh von Sam unterbrochen, der den Vorhang an der Tür des Wohnzimmers weg schob und eilig herein kam.
„Leute, unser Schiff geht um 14 Uhr. Sechzig Minuten vorher ist allerdings der späteste Check – In und wir wohnen ca. drei Kilometer vom Hafen entfernt. Das heißt wir müssen hier plus minus Berufsverkehr um 12:30 Uhr weg.“
Er legte eine aus dem Internet ausgedruckte Broschüre auf den Glastisch und lies sich auf das Sofa fallen.
„Ach ja beinahe hätte ich es vergessen. Hier sind die Fahrkarten oder Tickets. Ich habe eine Drei – Bett – Innenkabine gebucht“, er warf Emma einen scheuen Blick zu, keine Angst. Hendrik und ich schlafen auf den Pullmanbetten und du hast das Schlafsofa zur Verfügung.
Er schmiss das Internetticket ebenfalls auf den Tisch.
„Die Zeit, die wir jetzt noch haben, können wir jedoch sinnvoll nutzen und packen. Hendrik, dir kann ich Klamotten leihen. Mit weiblichen Accessoires kann ich allerdings nicht dienen. Außer mit ein paar BHs von ehemaligen Damen Besuchen. Du musst dir dann schon Neues auf dem Schiff kaufen.“
Er lachte unverschämt und kreuzte die Beine übereinander.
Hendriks Blick fiel auf die Tickets. Sie sahen aus wie gewöhnliche Internettickets. Und dann stach im der Preis ins Auge.
„Was zum Teufel, das kostet 4259,51 Kronen?“, unterbrach er Sams genaue Ausführungen ihrer gebuchten Schlafkoje, „Und das soll ein Sparangebot sein? Sam, von welchem Geld hast du das denn bezahlt?“
Sam zog nun eine Kreditkarte aus den Taschen, die an seinem Pulli angenäht waren. Auf ihr waren Wellen mit einem Surfer zu erkennen und sie stammte von der DnB Nor Bank. Hendrik erkannte sie sofort. Es war seine.
„Wieso benutzt du meine Karte?“
„Naja weil du der Reichste von uns bist, zumindest schätze ich das.“ Sam warf Emma einen entschuldigenden Blick zu.
„Wie kommst du dazu für mich ebenfalls mitzubuchen? Ich habe nicht vor mit euch zwei Verrückten mitzufahren!“
Sam unterbrach Emma rasch und sah sie mit einem ernsten Gesichtsausdruck an.
„Fräulein, du weist bereits zu viel. Und ich will nicht morgen eine Schlagzeile in der Aftenposten lesen, mit der Überschrift, Junge Schwedin kaltblütig ermordet. Das verstehst du sicher. Also hat noch jemand Einwände? Wenn nicht werde ich jetzt ein paar Snacks zubereiten. Mal sehen, was meine Essensvorrat noch zu bieten hat.“
Sam erhob sich, warf aber Emma noch mal einen prüfenden Blick zu. Diese hatte sich auf einem der Hocker niedergelassen und blickte Hendrik wie ein bockiges Kleinkind an.
Hendrik wandte seinen Blick ab. Ihm tat es so schrecklich leid und er bereute die Forschungsarbeiten längst.
Er war sich sicher, dass die grau gekleideten Menschen von irgendeiner Geheimbehörde geschickt worden waren.
Seine Gedanken schweiften ab. Zurück zum Vortag und dessen Ereignissen, als ein schreckerfüllter Aufschrei und das Geräusch von zerbrechendem Glas ihn in die Realität zurück katapultierten. Sam hatte einen länglichen, gläsernen Gegenstand fallengelassen, in dem seine bunten Cerealien verstaut gewesen waren. Seine Aufmerksamkeit galt den so vorsorglich ab geklebten Fenstern, dessen Schutzschicht aus braunem Karton und Klebeband eine offene Stelle aufwies.
Hendrik starrte den bleichen Sam verblüfft an und wollte gerade seine Lippen zu einer Frage formen, als sein alter Freund jedoch zu der Fensterfront hechtete und die offene Stelle mit Zeitungspapier zu verdecken versuchte. Hendrik beobachtete wie Sam das Papier unter dem Topf der daneben stehenden Palme herauszog und er mit aller Macht gegen die Scheibe drückte.
„Sam, Sam was machst du da?“ Hendrik wählte seine Worte vorsichtig und mit Bedacht.
„Wer hat das Loch da hinein gemacht?“
Sams Stimme klang wutverzerrt und panisch.
„So sehen die uns. Ich brauche Klebeband!“
Emma stotterte ein leises Entschuldigung und knetete wie wild ihre Hände.
„Klebeband!“ Es war ein verzweifelter Ausruf und Hendrik sprang vom Sofa hoch, eilte hinüber zur Küchenzeile und zog alle Schulbladen auf. Als er die letzte öffnete entdeckte er das schwarze Klebeband und warf es Emma zu, die es an Sam weitergab.